Die Zeidlerei ist eine jahrhundertealte Form der Waldimkerei – und gleichzeitig eine der ursprünglichsten Arten, Honigbienen zu halten. Im Mittelalter wurden gezielt Baumhabitate für Honigbienen geschaffen, lange bevor es moderne Bienenkästen gab.
FreeTheBees hat dieses traditionelle Handwerk 2014 wieder aufgegriffen und in die heutige Zeit überführt – als Brücke zwischen historischer Praxis, Naturschutz und einer artgerechten Bienenhaltung.
Die Zeidlerei bezeichnet die Haltung von Honigbienen in künstlich geschaffenen Baumhöhlen in lebenden Bäumen.
Während bereits Steinzeitvölker – ebenso wie heutige Naturvölker – Honig wilder Bienen sammelten, war die Zeidlerei im Mittelalter ein eigenständiger Berufszweig. Der Zeidler (oder Zeitler) sammelte Honig von wilden, halbwilden oder domestizierten Bienenvölkern im Wald – nicht aus gezimmerten Kästen oder geflochtenen Körben wie der spätere Imker.
Stattdessen wurden:
• alte, starke Bäume ausgewählt
• in etwa sechs Metern Höhe Höhlen in den Stamm gehauen
• der Eingang mit einem Brett versehen
• ein Flugloch eingebracht
Ob eine solche «Beute» besiedelt wurde, hing vollständig vom natürlichen Umfeld ab – und wechselte von Jahr zu Jahr. Um Windbruch zu verhindern, wurden die Bäume oft entwipfelt.
Das Wort geht auf das lateinische excidere («herausschneiden») zurück und entwickelte sich über das altdeutsche «zeideln» – «Honig schneiden».
Geschnitten wurde deshalb, weil bei der Ernte die gesamte Honigwabe entnommen wurde. Anders als heute stand der Fortbestand des Volkes nicht im Zentrum. Honig und Wachs konnten unmittelbar weiterverarbeitet werden.
Für die Zeidlerei waren Nadelholzgebiete besonders geeignet. Bedeutende Zentren lagen unter anderem im:
• Fichtelgebirge
• Nürnberger Reichswald
• Gebiet des heutigen Berlins (insbesondere im damaligen Grunewald)
• In Bayern ist Waldbienenhaltung bereits für das Jahr 959 in der Gegend von Grabenstätt belegt.
Der Nürnberger Reichswald galt als «Des Heiligen Römischen Reiches Bienengarten». Der dort gewonnene Honig war unter anderem Grundlage der berühmten Nürnberger Lebkuchenproduktion. Noch heute zeugen Bauwerke wie das Zeidlerschloss in Feucht von dieser Tradition.
Der Rückgang setzte schleichend von West nach Ost ein. Ein entscheidender Faktor war die Einfuhr von Rohrzucker. Zwar blieb dieser bis ins 17. Jahrhundert teuer und einer wohlhabenden Schicht vorbehalten, doch mit dem Anbau von Zuckerrüben im 19. Jahrhundert veränderte sich die wirtschaftliche Situation grundlegend.
In Regionen wie der Lausitz, dem Baltikum und Russland hielt sich die Waldimkerei noch bis ins 19. Jahrhundert als ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor. Heute ist sie in Mitteleuropa wirtschaftlich bedeutungslos.
Im Naturschutzkontext gibt es jedoch punktuelle Versuche, Bienenvölker im Wald anzusiedeln und die Zeidlerei wiederzubeleben.
Interessanterweise ist die Zeidlerei im Shulgan Tash Nature Reserve im südlichen Ural bis heute erhalten geblieben.
Dort wurde die Technik unter den Baschkiren vom Mittelalter bis in die Gegenwart von Generation zu Generation weitergegeben.
Im Rahmen eines vom Schweizerischen DEZA finanzierten WWF-Projektes kamen Dr. Hartmut Jungius und Dr. Przemysław (Przemek) Nawrocki mit dieser lebendigen Tradition in Kontakt. Sie beschlossen, das Handwerk nach Polen zurückzubringen. In Zentralpolen entstanden daraufhin über 150 Zeidlerhöhlen in lebenden Bäumen sowie zahlreiche Klotzbeuten.
Polnische Nationalparks sind heute stolz auf diese Wiederbelebung. Dr. Przemysław Nawrocki – Mitglied des wissenschaftlichen Beirates von FreeTheBees – führt eine Statistik über einen Teil der betriebenen Zeidlerhöhlen.
FreeTheBees begann 2014, die Zeidlerei in der Schweiz wieder einzuführen. Mit einem international besuchten Zeidlerkurs wurden in Kriens (LU) die ersten Zeidlerbäume geschlagen und angehende Zeidlermeister ausgebildet.
Seither fanden zahlreiche Kurse statt in der Schweiz, Deutschland, Belgien, England und weiteren europäischen Ländern.
Die Zeidlerbewegung wächst stetig und begeistert naturbewusst denkende Imker weit über Europa hinaus – bis nach Kalifornien.
FreeTheBees hat die Tradition von Polen zurück in die Schweiz gebracht und von hier aus weiterverbreitet. Dabei:
• bewahren wir die Überlieferung möglichst originalgetreu
• experimentieren mit der Methodik
• entwickeln sie weiter
• passen sie an heutige Rahmenbedingungen an
Moderne Zeidlerhöhlen orientieren sich zunehmend am Vorbild natürlicher Baumhöhlen. Ziel ist es, Lebensraum nicht nur für Honigbienen, sondern für ganze Artengemeinschaften zu schaffen.
FreeTheBees führt regelmässig international besuchte Zeidlerkurse in der Schweiz und im Ausland durch.
Die Zeidlerei ist die natürlichste Form der Bienenhaltung. Gerade heute ist sie wichtiger denn je.
1. Schärfung des Bewusstseins
Imker erkennen durch die Arbeit im Baum:
wie Honigbienen im natürlichen Habitat leben
wie stark Wirtschaftsvölker durch Honigertrag beeinflusst werden
wie intensiv moderne Eingriffe tatsächlich sind
Zeidlerei wirkt als Spiegel der eigenen Imkerpraxis.
2. Schaffung dringend benötigter Baumhöhlen
Baumhöhlen sind heute selten geworden.
Sie sind jedoch Lebensraum für:
• Honigbienen
• Vögel
• Fledermäuse
• zahlreiche weitere höhlenbewohnende Arten
• unzählige symbiotisch lebende Organismen
Zeidlerei fördert somit Biodiversität weit über die Honigbiene hinaus.
3. Vorteile für das Bienenvolk
Eine Zeidlerhöhle bietet der Honigbiene erhebliche Vorteile gegenüber dem konventionellen Bienenkasten:
✔ Deutlich bessere Isolation: Die dickwandige Baumhöhle senkt den Stoffwechselumsatz des Volkes über das ganze Jahr hinweg drastisch.
→ weniger Nektarsammeln
→ weniger Polleneinlagerung
✔ Keimfreies Höhlenklima: In der Zeidlerhöhle stellt sich ein besonderes Mikroklima ein – die sogenannte Nestduftwärmebindung (J. Thür, 1946). Dieses stabile Klima wirkt als intelligenter Abwehrmechanismus gegen Krankheiten.
4. Fachübergreifende Zusammenarbeit
Die Zeidlerei ermöglicht Kooperationen mit Organisationen aus:
• Vogelschutz
• Fledermausschutz
• Waldökologie
• Biodiversitätsförderung
Sie verbindet Naturschutz, Kulturgeschichte und Bienenhaltung.
Die Zeidlerei ist kein nostalgisches Hobby. Sie ist:
• Kulturerbe
• Forschungsfeld
• Bildungsinstrument
• Biodiversitätsprojekt
• Impulsgeber für eine artgerechte Bienenhaltung
• Sie bringt die Honigbiene zurück in ihr ursprüngliches Habitat – den Wald.
Besuchen Sie einen unserer Zeidlerkurse – die Arbeit im lebenden Baum fasziniert – fachlich wie emotional. Die Kurse stehen allen Interessierten offen: Imker, Naturfreunde, Förster, Waldbesitzer, Wildhüter.
FreeTheBees Baumhöhlenprojekt
UBS Helpetica hilft FreeTheBees beim Baumhöhlenprojekt
Zeidleraktivitäten in Polen
Zeidleraktivitäten in Deutschland
Eric Tourneret, Bee Photographer
Honey Bees of the cold in Russia
Videos
Zusammenkunft unserer polnischen und russischen Zeidlerkollegen (Link fehlt)
Zeidler Facebook-Gruppe