Varroa als Symptom: Was wildlebende Honigbienen wirklich bedroht und wie natürliche Selektion funktioniert – FreeTheBees

In der 50. Ausgabe unserer Konferenzreihe «Bienen ohne Grenzen» hat André Wermelinger, Gründer von FreeTheBees, ein radikales Umdenken in der Bienenhaltung gefordert. Seine Kernbotschaft: Die Varroa-Milbe ist nicht die Ursache des Bienensterbens, sondern ein Symptom für ein krankes System. Wir müssen weg von der «Mono-Imkerei» und hin zu einem diversifizierten Portfolio, das der Natur wieder Raum zur Anpassung gibt.

Seit Jahren gilt die Varroa-Milbe in der Imkerei als der grösste Feind. Doch André Wermelinger stellt diese Sichtweise auf den Prüfstand. Basierend auf Hunderten von wissenschaftlichen Studien, unter anderem von renommierten Forschern wie Tom Seeley und Peter Neumann, wird deutlich, dass die Natur kein Problem mit der Milbe hat.

«Die Varroa ist kein Problem für die Natur. Sie kann ein Problem für die Imkerei sein.»

Woran sterben wildlebende Honigbienen wirklich?

Ein zentraler Fakt der Konferenz, der oft übersehen wird: Das grösste Risiko für wildlebende Honigbienen in der Schweiz ist nicht der Parasit, sondern schlichter Hunger. In der intensiv genutzten Agrarlandschaft fehlt es an Blütenvielfalt und Tracht. André Wermelinger beobachtet für viele Regionen der Schweiz und verifiziert von vielen Imkern aus Deutschland, dass ohne menschliche Fütterung 80 % bis 90 % der wilden Völker verhungern. Wird jedoch für Nahrung gesorgt, aber nicht gegen Milben behandelt, sinken die Verluste bereits auf 50 % bis 70 %. Die Milbe wird erst dann zum Problem, wenn das Immunsystem des «Superorganismus» bereits durch andere Stressoren wie Hunger, falsche Zuchtziele, intensive Honigimkerei, Umweltgifte, etc geschwächt ist.

Können Bienen ohne Behandlung überleben?

Dass Bienen ohne chemische Keule überleben können, ist keine Theorie. In Wales (UK) zeigen Imker wie Jonathan Powell, David Heaf, Clive & Shan Hudson u.v.a., dass stabile Völker in der Wildnis und auch in der Imkerei ganz ohne Behandlungen möglich sind, mit Winterverlusten von nur 13 %, wovon Schweizer Imker oft nur träumen können.
Einer der zentralen Schlüssel liegt in der natürlichen Selektion. In ungestörten Baumhöhlen entwickeln Bienen Abwehrmechanismen wie das «Grooming» (gegenseitiges Putzen) oder leben in Symbiose mit Helfern wie dem Bücherskorpion oder der Raubmilbe Stratiolaelaps scimitus (Skimitus), die Varroa-Milben fressen. Imker können die Anpassungsfähigkeit ihrer Bienen bis zu einem gewissen Grad beeinflussen und diese wieder fitter machen für die Natur.

Warum schaden Ameisen- und Oxalsäure den Bienen langfristig?

André Wermelinger warnt eindringlich vor der routinemässigen Anwendung von Ameisen- oder Oxalsäure. Er vergleicht diese Praxis mit einer Chemotherapie:
«Wenn man gegen einen dieser Angreifer kämpft, ist es praktisch unmöglich, die Biene nicht auch zu treffen.»
Diese Säuren schädigen das feine Immunsystem der Bienen massiv und verhindern, dass sich die Völker jemals an den Parasiten anpassen können. Es entsteht ein Teufelskreis der Abhängigkeit.

Welche Alternativen zur konventionellen Varroa-Behandlung gibt es?

FreeTheBees fordert keine Abschaffung der Imkerei, sondern eine Diversifizierung. Statt «Mono-Imkerei» wird ein gemischtes Portfolio vorgeschlagen:

  1. Wildvölker: Vollständige Überlassung an die Natur (100 % Selektion).
  2. Naturnahe Haltung: Nutzung von ätherischen Ölen wie Thymol in Zeiträumen ohne Brut (nach dem Schwärmen), was weitaus schonender ist als Säuren.
  3. Extensive Honig-Imkerei: Einsatz biotechnischer Methoden wie der kompletten Brutentnahme (TBE) oder Fangwaben. Hierbei wird die Milbe physisch entfernt, ohne die Chemie des Bienenstocks zu zerstören. Mehr dazu auch in unserer Imkermethodik. 

FAQ: Antworten aus der Expertenrunde:

Hängt die Wintersterblichkeit durch Hunger von der Bienenrasse ab?

Es gibt Hinweise, dass beispielsweise die Dunkle Biene (Apis mellifera mellifera) sparsamer mit Vorräten umgeht. Viel wichtiger als die Rasse ist jedoch die lokale Anpassung und Selektion. Völker, die gelernt haben, mit wenig auszukommen, überleben eher.

Verlieren wir durch hohe Sterberaten nicht wertvolle Genetik?

Die Natur verliert nicht nur, sie erschafft auch ständig Neues, bspw. durch Mutationen. FreeTheBees fokussiert sich auf den Schutz der Art (Apis mellifera) als Ganzes. Die genetische Breite innerhalb der Art ist heute durch die Vermischung der Rassen sogar grösser als je zuvor.

Was macht man mit der entnommenen Brut bei der TBE-Methode?

Die verdeckelte Brut, in der sich die Milben konzentrieren, kann vernichtet (z. B. an Hühner verfüttert) oder zur Bildung von Ablegern genutzt werden. In letzterem Fall muss der Ableger jedoch gezielt behandelt werden, da die Milbenbelastung dort extrem hoch ist. Der entstehenden Brutpause wegen können aber sanftere Behandlungsmassnahmen wie ätherische Öle in Betracht gezogen werden.

Sind ätherische Öle wirklich wirksam?

Eine Studie von Agroscope (Liebefeld) bestätigte, dass Thymol das effektivste ätherische Öl gegen Varroa ist, sofern die Konzentration in der Stockluft korrekt gehalten wird. Ätherische Öle wirken sehr gut im Rahmen der FreeTheBees-Methodik der naturnahen Bienenhaltung. Sie sind in der intensiven Honigimkerei weniger geeignet.

Sehen Sie hier die vollständige 50. Konferenz und erfahren Sie, wie wir das Varroa-Problem gemeinsam in den nächsten 10 Jahren lösen können.

Konferenz auf Deutsch.

Konferenz auf Französisch. 

Die Fondation Ernest Dubois unterstüt...

Die Fondation Ernest Dubois unterstützt FreeTheBees beim Schutz wildlebender Honigbienen in Vaulruz André Dunand...

Mehr erfahren icon

26 Mai 2026

0 Kommentare

«Von Grund auf gesund: Warum Bienensc...

Zusammenfassung der Erkenntnisse aus der Konferenz mit Dr. Stefan Hügel am 8. April 2026 In der monatlichen Konfer...

Mehr erfahren icon

22 April 2026

0 Kommentare

FreeTheBees Frühling-Bulletin Nr. 38

Download FOKUS: Weniger Eingriffe, mehr Resilienz: Lehren aus dem Low-Intervention-Beekeeping Zusammenfassung der Bi...

Mehr erfahren icon

2 April 2026

0 Kommentare