Pseudoskorpion und Raubmilbe als Teil eines gesunden Bienennest-Ökosystems
Pseudoscorpion dans une ruche à corps unique
Stratiolaelaps-scimitus
Honigbienen leben in der Natur nicht isoliert. Ein wildlebendes Bienenvolk teilt seine Baumhöhle mit einer Vielzahl weiterer Organismen. In und um ein natürliches Bienennest leben zahlreiche Insektenarten, Milben, Pilze, Bakterien und andere Mikroorganismen. Viele dieser Arten stehen in Wechselwirkung mit dem Bienenvolk, beeinflussen dessen Gesundheit oder übernehmen wichtige ökologische Funktionen.
Während sich die moderne Imkerei oft auf einzelne Krankheitserreger oder Parasiten konzentriert, lohnt sich ein Blick auf das gesamte Ökosystem. Denn Gesundheit entsteht nicht durch die Abwesenheit einzelner Organismen, sondern durch das Zusammenspiel vieler Arten in einem stabilen biologischen Gleichgewicht.
Pseudoskorpione und die Raubmilbe Stratiolaelaps scimitus gehören zu den bekanntesten natürlichen Begleitern des Bienenvolkes. Beide werden seit Jahren als mögliche natürliche Gegenspieler der Varroamilbe diskutiert. Sie sind jedoch nicht die Lösung des Varroaproblems, sondern Teil eines deutlich grösseren ökologischen Zusammenhangs.
Ein fast vergessener Mitbewohner der Baumhöhle
Der Pseudoskorpion, auch Bücherskorpion (Chelifer cancroides) genannt, ist ein winziges Spinnentier, das auf den ersten Blick einem Skorpion ähnelt. Im Gegensatz zu seinen grossen Verwandten besitzt er jedoch keinen Stachel und ist für Mensch und Tier vollkommen harmlos.
Pseudoskorpione leben seit Jahrmillionen in natürlichen Baumhöhlen, unter Baumrinden, in Holzspalten und anderen geschützten Lebensräumen. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde ihr Vorkommen in Bienenstöcken beschrieben. Alois Alfonsus berichtete 1891 über den „Feind der Bienenlaus“ und beobachtete, dass Bücherskorpione kleine Schädlinge in Bienenbehausungen erbeuten.
Auch spätere Beobachtungen und Untersuchungen bestätigten, dass Pseudoskorpione Milben und andere kleine Gliederfüsser jagen. Dazu gehören unter anderem Wachsmottenlarven, Läuse und vermutlich auch Varroamilben.
Ein Jäger im Verborgenen
Pseudoskorpione sind aktive Räuber. Mit ihren scherenartigen Pedipalpen ergreifen sie ihre Beute und lähmen sie mit einem Giftsekret. Anschliessend saugen sie die Körperflüssigkeiten ihrer Opfer aus.
Im natürlichen Lebensraum finden sie ideale Bedingungen: Ritzen, Spalten, morsches Holz und ein stabiles Mikroklima bieten Schutz und Versteckmöglichkeiten. In vielen modernen Beutensystemen fehlen diese Strukturen weitgehend. Glatte Oberflächen, häufige Eingriffe und Behandlungen erschweren ihre dauerhafte Ansiedlung.
Potenzial und Grenzen
Die Fähigkeit des Pseudoskorpions, Varroamilben zu erbeuten, macht ihn für Imker und Forschende interessant. Dennoch wäre es falsch, ihn als Wundermittel gegen Varroa darzustellen.
Die bislang vorliegenden Erkenntnisse zeigen vielmehr, dass Pseudoskorpione Teil eines funktionierenden Ökosystems sein können. Ihre Wirkung entfaltet sich dort, wo natürliche Lebensbedingungen vorhanden sind und sich stabile Populationen entwickeln können.
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Bücherskorpion fängt Varroamilbe und saugt sie aus. https://bienenbau.info/der-buecherskorpion-als-nuetzling-fuer-bienen-und-imker/
Die Wachsmottenlarve wehrt sich heftig und wirbelt den Bücherskorpion herum. Quelle: https://bienenbau.info/der-buecherskorpion-als-nuetzling-fuer-bienen-und-imker/
Ein natürlicher Räuber im Boden
Stratiolaelaps scimitus ist eine kleine bodenbewohnende Raubmilbe, die ursprünglich in vielen Regionen der Nordhalbkugel vorkommt. Sie lebt in den oberen Bodenschichten und ernährt sich von verschiedenen kleinen Wirbellosen, darunter Springschwänze, Nematoden, Larven und andere Milben.
Seit vielen Jahren wird sie erfolgreich im biologischen Pflanzenschutz eingesetzt. In Gewächshäusern hilft sie bei der Bekämpfung verschiedener Schädlinge und wird mittlerweile auch in anderen Bereichen der biologischen Schädlingsregulation verwendet.
Kann die Raubmilbe Varroa bekämpfen?
Diese Frage beschäftigt Imker und Forschende seit einigen Jahren.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Stratiolaelaps scimitus frei laufende Varroamilben erbeuten kann. Besonders erfolgreich jagt sie Milben, die von den Bienen abgefallen sind und sich auf dem Boden des Bienenstocks befinden.
Gleichzeitig zeigen dieselben Untersuchungen, dass die Raubmilbe Varroamilben auf den Bienen selbst nicht angreift. Da sich der grösste Teil der Varroapopulation entweder auf erwachsenen Bienen oder geschützt in verdeckelten Brutzellen befindet, bleibt die direkte Wirkung begrenzt.
Die wissenschaftliche Schlussfolgerung lautet deshalb: Stratiolaelaps scimitus kann zur natürlichen Regulation beitragen, stellt jedoch keine alleinige Lösung des Varroaproblems dar.
Lebensraum statt Einmalbehandlung
Besonders interessant sind praktische Ansätze, bei denen unter Bienenvölkern dauerhaft geeignete Lebensräume für die Raubmilbe geschaffen werden.
Einige Imker arbeiten mit humusreichen Substraten, Kompostbereichen oder naturnahen Bodenhabitaten unter den Beuten. Dort können sich stabile Populationen von Stratiolaelaps scimitus entwickeln und langfristig erhalten.
Dieser Ansatz verfolgt nicht das Ziel, eine einzelne Art auszusetzen und dadurch ein Problem zu lösen. Vielmehr soll ein ökologisches Umfeld geschaffen werden, in dem natürliche Regulationsmechanismen wieder wirken können.
Stratiolaelaps-scimitus
Stratiolaelaps-scimitus & Varroamilbe
Die Diskussion um Pseudoskorpione, Raubmilben und Varroa führt zu einer grundlegenderen Frage:
Aus Untersuchungen natürlicher Baumhöhlen wissen wir, dass ein Honigbienenvolk von einer grossen Zahl weiterer Arten begleitet wird. Neben verschiedenen Insektenarten leben zahlreiche Milben, Pilze, Bakterien und andere Mikroorganismen im unmittelbaren Umfeld des Bienenvolkes.
Über viele dieser Organismen wissen wir erstaunlich wenig. Während die Varroamilbe weltweit intensiv erforscht wird, sind die ökologischen Funktionen zahlreicher anderer Begleitarten kaum bekannt.
Ähnlich verhält es sich bei den Mikroorganismen. Die Aufmerksamkeit richtet sich häufig auf einige wenige Krankheitserreger und Viren. Gleichzeitig fehlen uns oft grundlegende Kenntnisse darüber, welche nützlichen Mikroorganismen ursprünglich zum natürlichen Mikrobiom eines Bienennestes gehören und welche Bedeutung ihr Verlust haben könnte.
FreeTheBees betrachtet Pseudoskorpione und Raubmilben nicht als Wundermittel gegen die Varroamilbe.
Sie sind vielmehr sichtbare Beispiele dafür, dass ein Bienenvolk Teil eines komplexen Ökosystems ist. Wo natürliche Lebensräume verloren gehen, verschwinden nicht nur einzelne Arten, sondern ganze ökologische Netzwerke.
Deshalb konzentrieren wir uns nicht auf die Suche nach der einen Lösung gegen die Varroamilbe. Unser Ziel ist die Wiederherstellung möglichst natürlicher Lebensbedingungen für die Honigbiene. Dazu gehören insbesondere:
Je näher wir den Bedingungen kommen, unter denen sich die Honigbiene über Millionen von Jahren entwickelt hat, desto grösser ist die Chance, dass auch die zahlreichen ökologischen Wechselwirkungen wieder ihre natürliche Wirkung entfalten können.
Pseudoskorpione und Raubmilben sind deshalb nicht das Ziel unserer Bemühungen. Sie sind vielmehr Botschafter einer viel grösseren Erkenntnis: Ein gesundes Bienenvolk entsteht nicht durch die Bekämpfung einzelner Probleme, sondern durch die Wiederherstellung eines funktionierenden Ökosystems.